Fachkongress Sozialwirtschaft International 2016

 

Wege aus dem Fachkräftemangel in der Sozialwirtschaft

Gewinnung und Bindung internationaler Fachkräfte als Baustein einer Gesamtstrategie zur Bewältigung steigender Bedarfe an Fachkräften in der Branche der Sozialwirtschaft

Im Rahmen des 3. Fachkongresses Sozialwirtschaft International informierte das Welcome Center Sozialwirtschaft Baden-Württemberg unter dem Titel Eingewandert – Geflüchtet – Angeworben am 6. Dezember 2016 über die Wege zur Gewinnung und Bindung internationaler Fachkräfte. Schwerpunkte der Tagung, in deren Fokus die Vorstellung und Diskussion von Beispielen gelungener Praxis stand, lagen auf Vorträgen, Fachforen und einer Podiumsdiskussion. Im Kampf gegen den spürbar werdenden Mangel an Fachkräften setzen Unternehmen der Sozialwirtschaft mehr und mehr auf die Gewinnung von Mitarbeitenden aus dem Ausland. Vor dem Hintergrund tausender Menschen, die im vergangenen Jahr infolge Flucht und Vertreibung nach Baden-Württemberg gekommen sind, werden auch Flüchtlinge in den Blick genommen. Zahlreiche Unternehmen der Sozialwirtschaft beklagen bereits heute einen Mangel an Fachkräften. Personelle Engpässe haben Einfluss auf Arbeitsbedingungen und damit auf die Qualität sozialer Dienstleistungen. Bis 2030 rechnet Baden-Württemberg mit einem Mehrbedarf von 50.000 Personen an Pflegefachkräften in allen Bereichen der Sozialwirtschaft. Der Bedarf soll bis 2050 weiter ansteigen. Die Gewinnung internationaler Fachkräfte wird zunehmend zum wichtigen Baustein innerhalb einer Gesamtstrategie, um auch in Zukunft eine gute und menschenwürdige Pflege gewährleisten zu können.

Als Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkes der evangelischen Kirche in Württemberg zeigte sich Herr Oberkirchenrat Dieter Kaufmann im Rahmen seines Grußwortes beeindruckt von den positiven Zahlen des Welcome Center Sozialwirtschaft und betonte, dass mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten Gerechtigkeit geschaffen werde . Im Jahr 2016 seien in 60 Unternehmen 170 Fachkräfte beraten worden. Er ist sich sicher: „Wir benötigen die Menschen aus anderen Ländern für die Sozialwirtschaft“.

Herr Ministerialdirektor Hubert Wicker vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau des Landes Baden-Württemberg würdigt die Arbeit des Welcome Center Sozialwirtschaft. Verstärkt Fachkräfte für die Sozialberufe zu gewinnen sei „erklärtes Ziel der Fachkräfteallianz Baden-Württemberg“, denn der Mangel sei eklatant. „Eine wichtige Rolle spielt dabei das Welcome Center Sozialwirtschaft als zentrale Anlaufstelle für internationale Fachkräfte und mittelständische Betriebe“, so Wicker.

Frau Christiane Flüter-Hoffmann vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln verdeutlichte in ihrem Impulsvortrag Von der Krisenbewältigung hin zum strategischen Handeln Ideen und Strategien zum Umgang mit Fachkräftebedarfen. Anhand der aktuellen Zahlen ihres Institutes belegte sie die großen Veränderungen, die angesichts des demographischen Wandels in Deutschland ins Haus stünden. So werde das Durchschnittsalter durch die vielen jungen Zuwanderer in Deutschland wesentlich sinken. Flüter-Hoffmann betonte, dass Deutschland von der erfolgreichen Integration in Zukunft sehr profitieren werde. „Eins ist aber sicher“, so die Referentin, „wir brauchen Zeit und Geduld, aber Zuwanderung ist Fachkräftesicherungspolitik.“

Als Jurist des Diakonischen Werks Baden erläuterte Herr Jürgen Blechinger anhand des novellierten Integrationsgesetzes die Möglichkeiten zur Beschäftigung von Zuwanderern, aber auch die Schwierigkeiten, mit denen sowohl die internationalen Fachkräften als auch die Einrichtungen konfrontiert seien. Gleichwohl machte er Mut und gab wertvolle Tipps zur Bewältigung von Herausforderungen.

 

In den Workshops und der abschließenden Talkrunde wurde ein Blick auf die Praxis geworfen.

Fachforum I: Eingewandert: Der Weg zur qualifizierten Pflegekraft

Der Traum von adäquater und gut bezahlter Arbeit scheitert oft an scheinbar unüberwindbaren rechtlichen Hürden und kann in Verträgen als ungelernte Hilfskraft enden. Betriebe und internationale Fachkräfte benötigen Unterstützung auf dem Weg zur beruflichen Anerkennung der im Ausland absolvierten Ausbildungen. Kosten und Finanzierung müssen geregelt sein, das Anerkennungsverfahren muss erfolgreich durchgeführt werden, und es muss die Praxis der Nachqualifizierung geregelt sein.

 

Fachforum II: Geflüchtet – Chancen, Hürden und Wege hin zur Win-Win-Situation für Einrichtungen und für Geflüchtete

Die Zahl von geflüchteten Menschen, die in Baden-Württemberg Arbeit suchen, steigt. Für Einrichtungen der Altenpflege rücken die Potenziale dieser heterogenen Personengruppe immer stärker in den Fokus, während geflüchtete Menschen sich die Integration in Arbeit und Gesellschaft erhoffen. Diskussion von Chancen, Hürden und Lösungsansätzen anhand von Beispielen guter Praxis.

 

Fachforum III: Angeworben – Gezielte Anwerbung internationaler Fachkräfte als Mittel der langfristigen Personalplanung

Unternehmen der Sozialwirtschaft setzen große Erwartungen in die Anwerbung von internationalen Fachkräften. Wie sieht die Realität aus? Erkenntnisse und Erfahrungen von Wissenschaft, Unternehmen und Fachkräften wurden präsentiert. Ausschlaggebend für ein Gelingen, so das Fazit, sei eine gute Netzwerkarbeit mit den Behörden, eine gute Öffentlichkeitsarbeit und vor allem gute Sprachkurse um die mitgebrachte Ausbildung anzuerkennen. Einigkeit herrschte, dass es unabdingbar sei, dass die deutsche Sprache zu lernen ein grundlegendes Element für die ankommenden Menschen sei. „Mit Sprache steht und fällt die Ausbildung und Qualifizierung“.

In der anschließenden, von Herrn André Peters (Vorstand Wirtschaft und Finanzen des Diakonischen Werks der Evangelischen Landeskirche in Baden) moderierten Podiumsdiskussion ging es um Beispiele guter Praxis rund um das Themenfeld Internationale Fachkräfte im Personalmix von morgen. Von den teilnehmenden Einrichtungsleitern wurden dabei überwiegend positive Erfahrungen mit internationalen Fachkräften geschildert. Bis zu 40 Nationen sind in großen Einrichtungen der Diakonie tätig und die Beurteilungen der Verantwortlichen der Leistung und das Engagement der neugewonnenen Fachkräfte waren durchweg sehr positiv.

Viele Gespräche und Diskussionen unter den Teilnehmenden schlossen sich in den Pausen an. Eine Messe mit einer Vielzahl von Fachverbänden und Instituten im Foyer ergänzte den Tag.

 

Hauptvorträge:

Frau Christiane Flüter-Hoffmann, Institut der deutschen Wirtschaft Köln, Migration_und_Flucht_nach_Deutschland

Herr André Peters, Vorstand Diakonisches Werk Baden, Eingewandert-geflüchtet-angeworben: Die Herausforderungen der kommenden Jahre

 

Forum 1: Eingewandert

Frau Dr. Christine Böhmig und Herr Gunther Müller, Welcome Center Sozialwirtschaft Baden-Württemberg, Eingewandert: der Weg zur qualifizierten Fachkraft

Frau Lena Gehring, Erstanlaufstelle und Kompetenzzentrum zur Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen/ IQ Qualifizierungsberatung, Anerkennung ausländischer Pflegekräfte

Herr Walter Anton, Oekumenisches Institut für Pflegeberufe in der Ortenau gGmbH, Triple Win – Vorbereitungslehrgang für die Kenntnisprüfung in der Gesundheits- und Krankenpflege

 

Forum 2: Geflüchtet

Frau Christine Mihm (Ev. Stift Freiburg) und Frau Florije Sula (Ev. Altenhilfe St. Georgen), Verbundprojekt: „Gewinnung von Flüchtlingen für die Ausbildung zu Altenpflegefachkräften

Frau Martina Tschik, Bundesagentur für Arbeit, Kooperationsmodell: Enge und frühzeitige Verzahnung von Sprachförderung, beruflicher Qualifikationen und betrieblicher Praxis

 

Forum 3: Angeworben

Herr Gerd Schweizerhof (Ev. Altenheimat), Gewinnung von Pflegefachkräften für die Altenpflege mit Triple Win

Herr Detlef Friedrich, Institut für europäische Gesundheits- und Sozialwirtschaft GmbH, Theoretischer Input zur Anwerbung von Fachkräften

 

Berichterstattung zum Fachkongress 2016:

Berichterstattung in der Nachrichtensendung von L-TV (Beitrag ab Minute 2:30)
http://l-tv.de/mediathek/video/1955.html